FAHRBERICHT KAWASAKI W 800
Die Engländerin aus Japan: In der W 800 lässt Kawasaki die Sechziger wiederaufleben. Sie sieht nicht nur aus wie ein klassisches Motorrad, sie fährt sich auch so.
Wie der Zufall es wollte, kreuzten sich unsere Wege mit denen der Kawasaki W 800 in den Tagen, als die Bilder apokalyptisch und die Rettungsschirm-Summen bizarr wurden. An solchen Tagen kann man etwas gebrauchen, das einem Bodenhaftung gibt. Eine Kawasaki wie diese zum Beispiel. Die hat etwas Beruhigendes an sich. Glatt möchte man sie umarmen dafür.
Die W 800 verkörpert Tradition und ehrt die eisernen Werte. Metall, wo Metall hingehört, kein Kunststoff. Keine Fahrmodi, kein Farbbildschirm, kein Joystick, dafür Chrom und eine Königswelle. Zwar ist die Kawasaki ein Motorrad japanischer Herkunft, in ihrer Wesensart jedoch ein sehr englisches. Sie scheint direkt aus den sechziger Jahren zu kommen, den Sixties, denen im Rückblick immer das Attribut Swinging vorangestellt wird. Damals bedrohte noch nicht ein Virus die Menschheit, sondern nur ein Atomkrieg. Und es gab den Minirock.
Die W 800 sieht nicht nur aus wie ein klassisches Motorrad, sie fährt sich auch so. Die schmal bereiften großen Speichenräder – vorne 19, hinten 18 Zoll – sorgen für stabilen Geradeauslauf mit einer angenehmen Note Sturheit, vereiteln jegliche Hektik und Hibbeligkeit. Der Zweizylinder stampft im Beat der Equals (Baby Come Back), wenn man ihn stampfen lässt, wie er es am liebsten hat: untenherum und in der Mitte, ohne die Quälerei hoher Drehzahlen. Nur 48 PS? Pah!
Es ist ein Langhuber, ein echter Paralleltwin, dessen Kolben sich synchron auf und ab bewegen. Alle 360 Grad, nach jeder vollen Kurbelwellenumdrehung, zünden abwechselnd der linke und der rechte Zylinder. Die stehen nebeneinander stramm wie die Fellmützengarde vorm Buckingham-Palast, wunderschöner Maschinenbau, alles luftgekühlt, versteht sich. Einen einzigartigen Anblick bietet die Königswelle an der rechten Motorseite als Bindeglied zwischen der Kurbelwelle und der obenliegenden Nockenwelle, welche die Ventile steuert. Gibt es nur in der W-800-Baureihe und sonst nirgends. Der Preis für Extravaganz und Detailverliebtheit: 10.345 Euro.

